Man muss was wollen wollen…in der Kulturpolitik

Juni 30, 2010 von sybille

Wien denkt weiter – vor 2 Wochen hat im Odeon ein Kulturkongress stattgefunden, wo der Kulturstadtrat eingeladen hat die Kulturpolitik in Wien weiter zu denken. Denn, so wie alles im Leben, ist auch – oder besser: gerade – Kultur und Kulturpolitik Bewegung und Veränderung.

Im der Stadtzeitung FALTER hat Klaus Nüchtern letzte Woche einen – kurzen – Artikel über den Kongress geschrieben, nicht bös, eher vorsichtig in der Beurteilung. Wesentlichste Aussage: die Absicht einen solchen offen Kulturkongress in Zukunft regelmäßig abzuhalten, soll nicht zum „denken um des denkens willen“ verkommen und die Stadt soll „sich dann auch dazu durchringen, etwas wollen zu wollen“.

Gute Gelegenheit beim Rechnungsabschluss der Stadt Wien, der diese Woche im Gemeinderat debattiert wurde, mal klar zu sagen was sozialdemokratische Kulturpolitik will und was sie dafür getan hat. Hier die gekürzte Fassung:

1. Wir wollen traditionelle Stärken der Kulturstadt Wien erhalten – auch indem man Veränderungen herbeiführt

wie z.B. im Bereich der darstellenden Kunst: Mit dem großen Wurf der Theaterreform ist es gelungen, einen der wichtigsten Kulturbereiche so zu verändern, dass Bewegung möglich ist, Neues enstehen kann. In Stichworten: mehr Geld für die OFF-Theater-Szene, bessere Planungssicherheit durch 4-Jährige Konzeptförderungen über eine Theaterjury, neue Leitungen, Transparenz und Einheitlichkeit im Vergabeverfahren, Platz für freie Gruppen an den festen Häusern oder das KuratorInnenmodell für die Projektförderungen (übrigens 2009 mit Zustimmung aller KultursprecherInnen um weitere Periode verlängert).

2 . Wir wollen auch Neues und neue Stärken entstehen lassen

wie z.B. den österreichischen Film. Die Filmförderung, die in Wien eine der höchsten regionalen Filmförderungen in ganz Europa ist, wurde um ein Drittel erhöht! Seit 2010 stehen dafür 16,25 Mio € zur Verfügung. Die gehen in  Mittel des FilmfondsWien, in eine neugegründete Fernsehfilmförderung, die v.a. Stärkung der Wr. Filmwirtschaft, Erhöhung Präsenz von Wien auf internationaler Ebene zum Ziel hat, in die Filmförderung der Kulturabteilung, wo Filmkunst im Sinne von Kurzfilmen, Dokumentationen, Experimentalfilmen gefördert wird.
Und nicht zu vergessen: in die Kinoförderung, wo gelungen ist, innerstädtische kl. Programmkinos am Leben zu erhalten. Dazu kommen noch Mittel für die Vienna Film Commission, als Beratungs- und Servicestelle für nationale und internationale Filmproduktionsfirmen und als Lobbyinginstrument für den Drehort Wien oder die  Erhöhung der Förderung des Stadtkinos unter neuer Leitung, erfolgreiche Filmfestivals von Viennale – über Identities – bis zu Tricky Women (wo übrigens Förderung für nächsten Jahre verdoppelt wird).

3. Wir wollen, dass sich die Vielfalt der Stadt auch im kulturellen Leben widerspiegelt

Mit über 2 Mio € jährlich fördert das Interkulturelle Referat rund 200 Vereine, unterstützt mehr als 200 Projekförderungen und 21 Festivals.
Mit „into the city“ gibt es eine eigene Programmreihe der Wiener Festwochen, die Brunnenpassage am Yppenplatz bietet Menschen verschiedenster Herkunft einen Ort der Begegnung mit vielfältigsten kulturellen Angeboten von Tanz – Chor – Literatur. Ein besonders schönes Beispiel: die Zusammenarbeit zw. KunstSozialraum Brunnenpassage und dem Wiener Konzerthaus mit „Spot on: Turkey Now„, eine Kooperation, die Menschen ungeachtet ihrer Herkunft & ihres Backgrounds Zugang zu Kunst & Kultur vermittelt. Vielfalt zeigt sich auch in den höchst erfolgreichen Festivals wie Balkan Fever, Klezmer oder Akkordeon Festival oder auch Salam Orient. Auch abseits der Musik zeigt sich die Vielfalt: z.B. beim Literaturfestival Lateinamerika – Österreich, das vom Stadtteilzentrum Simmering organisiert wird.

4. Wir wollen Kulturangebot nicht nur im Zentrum, sondern in der ganzen Stadt

Denn ja, natürlich sind die Innenstadtbezirke jene, wo sich die großen Kulturinstitutionen konzentrieren (gewachsen, auch gut für Tourismus), aber wir wollen, dass es die Kulturangebote auch vor Ort gibt, dort wo sich die Menschen aufhalten, die nicht so leicht den Weg in die Innenstadt finden, die Hemmungen haben die großen Theater und Konzerthäuser zu betreten.
Darum fördert und unterstützt die Stadt regionale Kulturinitiativenwie z.b. Soho in Ottakring, den Aktionsradius Augarten oder MIK am Genochmarkt – das sind die Großen. Denn natürlich gibt es eine ganze Reihen von kleinen Initiativen, temporären Projekten, natürlich gibt es noch Basis. Kultur. Wien, das ebenfalls neu organisiert,  die Kulturvereine in den Bezirken unterstützt und das „Wien sind Wien – Festival“ durchführt: eine Plattform für lokale Kulturschaffende, wie auch BewohnerInnen.

Weil wir die Menschen dort abholen wollen wo wir sie erreichen, wollen wir auch, dass es Institutionen außerhalb des Zentrums gibt, wie z.b. das Vindobona (mit neuer Leitung) im 20. oder das Kabelwerk im 12., das 2009 fertiggestellt worden ist. Kunst im öffentlichen Raum, Volkstheater in den Bezirken oder die Kinderuni on Tour sind weitere Beispiele dafür.

5. Wir wollen den Zugang zu Kunst, Kultur und Wissenschaft leichter machen & verbreitern

denn, es ist das Steuergeld aller WienerInnen und Wiener, das in die Kulturförderung fließt. V.a. halten wir es aber auch für wichtig, dass die Menschen diesen Zugang finden, denn er bereichert die eigene Persönlichkeit, eröffnet neue Sichtweisen, regt zum Diskus an. Deshalb vor Ort gehen (s.o.), aber auch den Weg in die großen Institutionen erleichtern.
Deshalb gibt es z.B. den „Wiener Kulturpass“, der seit 2007 von der Stadt unterstützt wird. 120 Kulturinstitutionen haben sich mittlerweile angeschlossen, 25.000 Tickets werden jährlich an SozialhilfebezieherInnen, MindestpensionistInnen, NotstandshilfeempfängerInnen und Flüchtlinge ausgegeben. Oder das 2009 ins Leben gerufene Projekt „KulturlotsInnen – Kulturvermittlung am Arbeitsplatz“, das gemeinsam mit der Gewerkschaft ins Leben gerufen wurde und wo speziell ausgebildete KulturlotsInnen in die Betriebe gehen und dort die Menschen über das städtische Angebot informieren.

Wir wollen auch, dass v.a. junge Menschen leichter Zugang finden, und zwar aktiv und passiv, daher cash for culture, eine schnelle unbürokratische Förderschiene für junge Menschen zw. 13 und (ab jetzt) 23 Jahren.

Und um ein letztes Beispiel zu nennen: Freier Eintritt bis 19 für alle Museen der Stadt: danke einer sozialdemokratischen Kulturministerin und eines sozialdemokratischen Kulturstadtrats.

6. Wir wollen die Geschichte (auch die zukünftige) & das Gedächtnis der Stadt bewahren

wie z..b. im MUSA, das, die Kunstsammlung der Stadt beherbergt, d.h. das was die Stadt von zeitgenössischen Künstlerinnen ankauft, dort ausstellt und auch an Private verleiht

Oder durch eine neue Leitung des Jüdischen Museums, das ab 1. Juli on Danielle Spera in eine neue Zukunft geführt wird, inhaltlich und sicher auch was Öffentlichkeitswirksamkeit betrifft, natürlich auch durch den Altstadterhaltungsfond, das Stadt- und Landesarchiv, die Wienbibliothek, die Stadtarchäologie oder auch durch Straßenbenennungen (sichtbare Zeichen der Geschichte, übrigens mit dem Schwerpunkt „Frauen sichtbar zu machen“).

Zum Wien Museum am Karlsplatz – gäbe es viel zu sagen. Neubau Römermuseums, großartigen Ausstellung wie Gastarbeiterij oder Kampf um die Stadt und natürlich v.a. über den geplanten Neubau des WienMuseums, wo man nicht nur der Vergangenheit auf die Spur kommen können soll, sondern das ein Ort sein soll, wo sich die WienerInnen und Wiener mit der eigenen Identität auseinandersetzen können.

Und ja, last but not least:

7. Wir wollen Wien weiterdenken – auch in Zukunft und auch gemeinsam mit den Kulturschaffenden

denn ja, es gibt noch viel zu tun, vieles weiterzuentwickeln, auch weiter zu verbessern.